Verkürzte Zahnreihen aus erweiterter Perspektive

24.10.2007

APW-Kontrovers: Therapieansätze aus verschiedenen Fachrichtungen diskutiert/ Abwägen zwischen Prothetik und Zahnerhalt

Dresden. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „APW-Kontrovers“ der Akademie Praxis und Wissenschaft stand am 6. Oktober im Medizinisch-Theoretischen Zentrum des Universitätsklinikums Dresden das Thema „Verkürzte Zahnreihen – Verhindern? Behandeln? Belassen?“ auf dem Programm. Verschiedene Ansätze aus prothetischer, funktioneller, parodontologischer, endodontologischer und implantologischer Sicht wurden kritisch beleuchtet und in zwei sehr lebhaften halbstündigen Diskussionen unter Beteiligung von Referenten und Teilnehmern ausgewertet.

Nach der Begrüßung des Auditoriums durch den Vorsitzenden des Direktoriums der APW Herrn Dr. N. Grosse gab Herr Prof. M. Walter (Dresden) eine Einführung in die Thematik unter besonderer Berücksichtigung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses für die Entscheidungsfindung. Er betonte die Notwendigkeit, Therapieziele patientenzentriert und aus mehrdimensionaler (bio-psycho-sozialer) Sicht festzulegen, wobei zwischen zahnerhaltenden Maßnahmen und Extraktion mit nachfolgenden prothetischen Lösungen sorgfältig abgewogen werden sollte. Auch die Anwendung begrenzter Behandlungsziele wurde angesprochen.

Privatdozentin Dr. I. Peroz (Berlin) betrachtete verkürzte Zahnreihen aus funktioneller Sicht. Sie ging auf verschiedene Topografien ein und stellte Ergebnisse von Untersuchungen zu Kauvermögen und Kaueffektivität vor. Weiterhin wurde die verkürzte Zahnreihe evidenzbasiert hinsichtlich möglicher Folgen auf das Kiefergelenk im Vergleich zu der kompletten und der durch herausnehmbaren Zahnersatz komplettierten Zahnreihe bewertet. Mit der Darstellung von Indikationen und Kontraindikationen zum Belassen verkürzter Zahnreihen aus funktioneller Sicht rundete Fr. Dr. Peroz ihren Beitrag ab.
Auch vor dem Hintergrund der Möglichkeit der  Implantation stand im dann folgenden Teil der Veranstaltung die Frage im Mittelpunkt, wann der Zahnerhalt anzustreben bzw. der richtige Zeitpunkt zur Extraktion gekommen ist.

Auf die Erhaltungswürdigkeit von Zähnen aus parodontologischer Sicht ging Herr Prof. Dr. T. Hoffmann (Dresden) ein. Besonderes Augenmerk lag im Nutzen und den Risiken der Parodontitistherapie bei stark vorgeschädigten Seitenzähnen. Evidenzbasiert und anschaulich wurden die vielfältigen Einflussfaktoren auf die Entscheidungsfindung Zahnerhalt versus Extraktion herausgearbeitet.

Auf die Indikationen und Kontraindikationen des Zahnerhalts ging auch Herr Prof. Dr. E. Schäfer (Münster) als Vertreter der Endodontologie ein. Als bedeutsames Kriterium wurde dabei die Einschätzung herausgestellt, ob der erfolgreich wurzelbehandelte Zahn im Sinne eines Gesamtkonzeptes erfolgversprechend restauriert werden kann. Prof. Schäfer setzte die Endodontie in Beziehung mit alternativen Therapiemöglichkeiten und unterstrich diesbezüglich die minimale Invasivität bei vergleichbaren Erfolgsraten.

Eine Stellungnahme von chirurgischer Seite zum Konzept der verkürzten Zahnreihe übernahm OA Dr. Dr. Thorwarth (Jena). In seinen Ausführungen ging er auf implantologische Versorgungskonzepte sowie Indikationen der Implantation ein. Es wurden die Risiken der chirurgischen Verfahren zur Vervollständigung der Zahnreihe im Seitenzahnbereich diskutiert und auf die Besonderheiten und das erschwerte Management atropher Strukturen hingewiesen.

Im zweiten Teil der Veranstaltung standen die therapeutischen Möglichkeiten im Mittelpunkt. Herr Prof. Dr. R. Luthardt (Ulm) ging auf die Funktionsniveaus nach Käyser ein, in denen überlappenden Altersbereichen eine minimal erforderliche Anzahl okkludierender Zahnpaare zugeordnet wird. Er stellte das Erhaltungs- und Therapieziel „Verkürzte Zahnreihe“ als eine Option vorwiegend für Patienten mittleren und höheren Alters vor und begründete dies mit dem geringeren Ausmaß von Elongationen möglicher antagonistenloser Zähne sowie einer höheren Akzeptanz fehlender Zähne in diesen Altersgruppen.
Bei der Behandlung verkürzter Zahnreihen ohne Implantate sprach Herr Prof. Böning (Dresden) die Extensionsbrücke, gussklammer- und doppelkronenverankerte Teilprothesen sowie Versorgungsarten mit Präzisionsattachments an. In Hinblick auf bewährte Methoden stellte er spezielle prothetische Optionen wie die Verwendung von Futtergeschieben und die RPI-Klammer vor.

Herr OA Dr. Mundt (Greifswald) betrachtete abschließend die Therapieoptionen der verkürzten Zahnreihe aus implantat-prothetischer Sicht. Implantatbasierte Versorgungskonzepte bezeichnete er als Mittel der ersten Wahl sowohl zur Vermeidung reduzierter Funktionsniveaus als auch zur Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung strategisch bedeutsamer okklusaler Beziehungen.

Die Veranstaltung bot dem Praktiker die Möglichkeit, das Tagungsthema mit seinen vielfältigen Facetten und durchaus unterschiedlichen Sichtweisen – eben kontrovers – zu erleben. Die engagierten Diskussionen im Plenum und in den Pausen zeigten wie wichtig und fruchtbar der interkollegiale Austausch zu komplexen Fragen sein kann.

ZÄ Juliane Pommer, Dresden