Prof. Spiekermann verstorben

22.10.2009

Nachruf Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Spiekermann

(geb. am 19.02.1942 in Menden; gest. 30.09.2009 in Haan/Düsseldorf)

Der Tod eines Menschen muss grundsätzlich als „normal“ angesehen werden – das Ausmaß der Trauer, des Mitgefühls, der Erinnerungen, der Reaktionen, der Betroffenheit hängen jedoch sehr stark von der Persönlichkeit der Person zu seinen Lebzeiten, dem beruflichen und menschlichen Wirken, seiner hieraus auch folgenden aktiven und passiven Einbindungen in dem entsprechenden Umfeld sowie nicht zuletzt von den Umständen des Ablebens einschließlich des Zeitpunktes ab. Vor diesem Hintergrund muss der Tod von Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Hubertus Spiekermann – er verstarb am 30.09.2009 in Haan bei Düsseldorf – als unfassbares, tragisches Ereignis und als fachlich wie menschlich unglaublich großer und schmerzlicher Verlust angesehen werden. Dieser Nachruf – basierend auf Fakten und persönlicher Freundschaft kann nur versuchen, die wesentlichen beruflichen und menschlichen Facetten dieses großartigen wie großherzigen Kollegen und Menschen zu würdigen.

Schon allein die sachliche Auflistung von wichtigen Lebensdaten und Ereignissen von Hubertus Spiekermann lassen sehr schnell seine sehr strebsame, zielgerichtete aber nie verkrampfte sondern vielmehr lockere Art seines Arbeitens und Tuns erkennen. Am 19.02.1942 in Menden geboren absolvierte er – nach einem 2-jährigen Studium der Geodäsie an der Universität Bonn – in der Zeit von 1962 bis 1970 die Studiengänge für Medizin und Zahnmedizin an den Universitäten Münster, Wien und Düsseldorf, wobei er am letztgenannten Ort auch seine ärztliche und zahnärztliche Approbation erhielt und auch in beiden Fachgebieten promovierte. Nach seiner Zeit als wissenschaftlicher Assistent von 1970 bis 1977 bekleidete er von 1977 bis 1979 die Position als Leitender Oberarzt in der Abteilung für Prothetik und Defektprothetik an der Westdeutschen Kieferklinik, Düsseldorf (Direktor: Prof. Dr. H. Böttger).

Schon seine Assistentenzeit gestaltete er außerordentlich aktiv, indem er als Gastassistent an der Dental School des Guy`s Hospital in London (Direktor: Prof. Dr. Jones) sowie in der Prothetischen Abteilung der Universität Zürich (Leitung: Prof. Dr. A. Gerber) tätig war.

Mit seiner 1978 vorgelegten Habilitationsschrift: „Enossale Implantate in der Zahnheilkunde – Klinische Erfahrungen und tierexperimentelle Untersuchungen“ hat er nicht nur als Erster für das Fachgebiet der Zahnärztlichen Prothetik an der Hochschule die zahnärztliche Implantologie eingeführt, sondern er hat auch schon damals sehr frühzeitig in seiner vorausschauenden Art den Brückenschlag zwischen Hochschule und der implantierenden niedergelassenen Kollegenschaft gesucht, da in der letzteren sich schon viele seriöse Kollegen noch vor den großen Aktivitäten an der Hochschule mit der zahnärztlichen Implantologie ernsthaft beschäftigt hatten. Sein umtriebiges wissenschaftliches und klinisches Engagement spiegeln sich in konsequenter Weise in der 1979 ausgeübten Aktivität als Gastdozent an der Harvard Dental School, Boston, sowie in sich daran anschließenden Rufen auf die Lehrstühle für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde an die Ruhruniversität Bochum und die RWTH Aachen wieder, wobei er bekanntermaßen den letzteren annahm und bis zum Zeitpunkt seines Ausscheidens im Jahre 2007 auch innehatte.

Seine Vorstellung von der zukünftigen Bedeutung der Zahnärztlichen Implantologie verfolgte er ebenso schon sehr früh und zielstrebig in seiner Funktion als Erster Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Implantologie (AGI) in der DGZMK (von 1991 bis 1994), indem er völlig folgerichtig und durch den heutigen grandiosen Erfolg der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) deren Gründung durch Zusammenschluss der Gesellschaft für Orale Implantologie (GOI) und der vorher genannten Arbeitsgemeinschaft betrieb. Mit dieser 1994 erfolgreich abgeschlossenen Gründung der DGI führte er die Implantologie zunächst auf nationaler Ebene nicht nur zu neuen Ufern im wissenschaftlichen Sinne, sondern er etablierte und stärkte das Band zwischen der entsprechend interessierten niedergelassenen Kollegenschaft und der Hochschule. Die DGI, der er von 1996 bis 1998 als Präsident vorstand, ist heute mit weit über 6000 Mitgliedern eine der stärksten implantologischen Gesellschaften weltweit und genießt auch internationales Ansehen, welches wiederum nicht zuletzt eben durch Kollegen Spiekermann, der 1997/98 auch Präsident der European Association for Osseointegration (EAO) fungierte, begründet war und durch ihn verstärkt auch das Augenmerk des transatlantischen und fernöstlichen Auslandes für implantologische Fragestellungen auf Europa allgemein und auf Deutschland speziell richten ließ. Seine fachliche Anerkennung wie aber auch sein politisches Gefühl und vor allem aber auch seine gewinnende menschliche Art führten zu seiner Wahl als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde (DGZPW) von 1999 bis 2001 sowie zu seinem Amt als Erster Vorsitzender des Landesverbandes NRW der DGI von dessen Gründungsjahr 2002 bis relativ kurz vor seinem Tode 2009.

Seine internationale Anerkennung erhielt Prof. Spiekermann schon zeitig durch seine Anfang der 80er Jahre ausgeübte Gastprofessur an der Harvard Dental School in Boston sowie Mitte der 90er Jahre durch die gleiche Funktion an der University of California, Los Angeles (UCLA) sowohl durch eine „Professur h.c.“ der Universität Peking im Jahre 2000 und nicht zuletzt durch Ehrenmitgliedschaften (1996 „Helenic Association for Osseointegrated Dental and Maxillofacial Implants“ und 1999 „Österreichische Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“) wieder. Konsequenterweise erhielt Herr Prof. Spiekermann auch entsprechende Ehrungen auf nationaler Ebene wie etwa die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen (2002), die Goldene Ehrennadel der DGZMK (2003), die Ehrenmitgliedschaft der DGI sowie die Ehrenmedaille des Berufsverband der implantologisch tätigen Zahnärzte BDIZ.

Sein nachhaltiger wissenschaftlicher wie aber auch für die tägliche Praxis wichtiger klinischer Einfluss wird nicht nur durch hunderte von wissenschaftlichen wie fortbildungsorientierten Vorträgen und Publikationen auf nationaler und internationaler Ebene begründet, sondern findet seinen besonderen Niederschlag in den beiden als Standardwerke zu bezeichnende Monographien „Die Modellgussprothese“ sowie vor allem in dem Atlas „Implantologie“, der allein in 6 Sprachen veröffentlicht wurde, und in den zahlreichen Habilitanden, von denen nunmehr Lehrstühle und sonstige Professuren bekleidet werden. Dies alles ist sichtbares und lebendes Werk von Prof. Spiekermann, der es in unnachahmlicher Form schaffte, kollegiale Verbindungen sowohl zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen zu etablieren, was angesichts der typischen Eigenarten von Personen und Persönlichkeiten sowie aber auch angesichts verschiedener politischer Interessen nicht einfach war und ist und eines großen Geschickes bedarf. Genau hier zeigten sich die ungewöhnlichen Eigenschaften und Fähigkeiten von Hubertus Spiekermann, der eine einzigartige Mischung von hoher fachlicher Kompetenz verbunden mit großem menschlichen Einfühlungsvermögen, Distanz zum eigenen Tun und Schaffen, notwendigen Humor besaß und stets Großherzigkeit wie Warmherzigkeit ausstrahlte.

Diese vorher angesprochene Mischung aus den fachlichen und menschlichen Eigenschaften führte nicht zuletzt auch zu einer außergewöhnlich hohen Anerkennung bei Mitarbeitern wie Patienten. Mit den ersteren gestaltete er Abteilungsfeste und Abteilungsreisen, die ihresgleichen suchen. Ob es sich um das jährlich zelebrierte Weihnachtsfest handelte, oder ob es um Wanderungen in den Bergen oder Unternehmungen in der nordafrikanischen Wüstenlandschaft ging – Hubertus Spiekermann hatte ungewöhnliche Ideen und setzte sie mit Herz und Engagement um. Die Mitarbeiter wiederum zeigten bei allen Gelegenheiten und vor allem bei besonderen Anlässen ihre Verbundenheit ihrem „Chef“ gegenüber.

Das vorher angesprochene Patientengut von Prof. Spiekermann war national und international sehr außergewöhnlich und hochkarätig wie anspruchsvoll zusammengesetzt. Sein Name war im russischsprachigen wie auch im arabischen Raum bekannt und weltbekannte Persönlichkeiten sowie deren Familien wurden vom Kollegen Spiekermann versorgt und betreut.

Die immer wieder angesprochene menschliche Facette von Hubertus Spiekermann spiegelt sich sehr ausgeprägt in dem von ihm geschaffenen Umfeld in Haan bei Düsseldorf wieder:

wer ihn mal zuhause besucht hat oder aber auch nur über seine Hobbies mit ihm sprach, ohne sein wunderbares Anwesen gesehen zu haben, sah und hörte etwas von seinen Tierzuchten und seiner Obstplantage. Schafe, Enten, Gänse, Hühner und zuletzt Bienenzucht, ein mit Mühe angelegter Teich, die Obstbäume – alles pflegte und umsorgte Hubertus Spiekermann mit Liebe, Hingabe und natürlich Professionalität. Er gewann Preise bei Vieh-/Tierausstellungen und freute sich wie ein Kind nicht nur hierüber sondern auch darüber, wenn er anderen mit Eiern, Honig und Weihnachtsbraten eine Freude machen konnte.

Wir haben mit Prof. Hubertus Spiekermann nicht nur einen der herausragendsten und kompetentesten Kollegen auf nationaler und internationaler Ebene sondern auch einen ungewöhnlichen, warmherzigen, integrationsfähigen und liebenswerten Menschen verloren – ich selbst meinen besten Freund.

In dankbarer Erinnerung und engster freundschaftlicher Verbundenheit

Heiner Weber

Tübingen