Elektroakupunktur nach Voll

Mein Zahnarzt hat mir vorgeschlagen, mich mit Elektroakupunktur und VEGA-Test zu untersuchen. Als Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse soll ich das selbst bezahlen. Natürlich ist mir meine Gesundheit etwas wert. Aber wie sinnvoll sind diese Methoden? Er gibt selbst zu, daß sie nicht von der sog. Schulmedizin gelehrt würden.

ANTWORT:
1. Elektroakupunktur nach VOLL [EAV]
Der Arzt VOLL wollte, keineswegs als erster, die Akupunktur der traditionellen chinesischen Medizin kombinieren mit moderner Elektrotechnik.
Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) basiert auf der im Taoismus wurzelnden Vorstellung, daß der gesamte Kosmos durch die polaren, einander bedingenden Energien Yin und Yang beherrscht wird, aus deren Wechselwirkung die Lebensenergie Chi resultiert. Ordnung, ob im Kosmos oder in einem Organismus wie dem menschlichen Körper, erfordert das harmonische Zusammenwirken dieser beiden, mit diametralen Begriffen (wie Erde/Himmel; Nacht/Tag; passiv/aktiv) gekennzeichneten Energien. Die Phänomene des Kosmos wurden nach einem typologischen Schema geordnet, dessen 5 Elemente die als Wandlungsphasen bezeichneten Begriffe Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser sind. Diese Wandlungsphasen stehen sowohl in förderlichen (Holz - Feuer) als auch in hemmenden (Feuer - Wasser) Beziehungen zueinander.

Auch der Mensch und seine Organe wurden diesen Kategorien und ihrer Zahlenmystik zugeordnet. Zwischen den einzelnen Organen wurden weitreichende energetische Wechselbeziehungen angenommen, die auf dem Fließen der Lebensenergie Chi durch verschiedene Verbindungskanäle zwischen den Organen beruht. Krankheit wurde als eine Störung des Gleichgewichtes zwischen Yin und Yang interpretiert, hervorgerufen durch eine Beeinträchtigung des Energieflusses. Eine der Möglichkeiten, aber keineswegs die wichtigste, eine solche Fließhemmung zu beheben, war das Einstechen von Nadeln in die Kanäle an entsprechenden, organspezifischen Punkten der Haut. Die graphische Darstellung dieser Kanäle mit ihren Zugangspunkten erinnerte die ersten damit konfrontierten Europäer an die Meridiane auf Landkarten, wovon sich die heutige Bezeichnung der Akupunkturmeridiane ableitet.

Die Zuordnung der Organe und ihrer Funktionen zu dem Meridiansystem folgte dem erwähnten typologischen Schema und widerspricht damit z.T. drastisch den heutigen Kenntnissen der anatomischen Strukturen und physiologischen Zusammenhänge. Angesichts dieser Tatsache ist das Festhalten an diesen aus vorwissenschaftlicher Zeit stammenden Zuordnungen nicht nachzuvollziehen. Das Unbehagen selbst der Anwender an dieser Situation wird deutlich an den inzwischen zahlreichen Lehrvarianten bezüglich Zahl, Lage bzw. Verlauf der Meridiane und Akupunkturpunkte. Entsprechend fehlt bis heute ein anatomisches Substrat für die Meridiane.

Ob den Akupunkturpunkten eine anatomische Besonderheit zukommt, ist umstritten. Es hat sich allerdings gezeigt, daß der größte Teil der Muskel-Triggerpunkte mit Akupunkturpunkten zusammenfällt. Zudem kennt auch die wissenschaftliche Medizin mit den HEAD´schen Zonen sowie beim Bindegewebe Zusammenhänge zwischen Außenhaut und inneren Organen.
Mit der Akupunktur gibt es wissenschaftlich anerkannte Erfolge, insbesondere bei der Schmerzbehandlung. Wie die Wirkung erklärt werden kann, ist noch offen; in der Diskussion ist, daß die Nadelung die sog. Schmerzpforte im Stammhirn verschließt und damit -so nach dieser gate-control-Theorie- nachfolgende Schmerzimpulse blockiert. Denkbar ist auch, daß der Nadelreiz die Ausschüttung schmerzlindernde Endorphine provoziert. Nachweislich kann die Akupunktur Muskelspannungen reduzieren und die Durchblutung fördern.

1.1 EAV-Diagnose und EAV-Therapie
VOLL wollte die Lebensenergie Chi an den Akupunkturpunkten entlang der Meridiane zu diagnostischen Zwecken elektrisch nachweisen, aber auch therapeutisch, durch elektrische Reize, stimulieren. Das 1971 nach seinen Vorstellungen dafür konzipierte Gerät vereint, wie auch alle nachfolgenden Gerätegenerationen, einen diagnostischen und einen therapeutischen Teil. Der diagnostische Teil ist im Prinzip ein Widerstandsmeßgerät, dessen Anzeige willkürlich und ohne Benennung einer physikalischen Einheit die Werte von 0 - 100 in äquidistanter Skalierung umfaßt. Dabei wir dem Wert 0 ein unendlich hoher und dem Wert 100 ein sehr kleiner Widerstand zugeordnet. Der therapeutische Teil enthält eine regelbare Wechselspannungsquelle, die die Applikation von niedrigfrequenten Impulsen geringer Spannung ermöglicht, womit ein gestörtes Energiegleichgewicht behoben werden soll.

Die Elektroakupunktur mißt mit dem Diagnosegerät im wesentlichen den reziproken elektrischen Widerstand, also den Körperleitwert des Patienten, indem der Patient über zwei Elektroden in einen Stromkreis des Gerätes einbezogen wird (Abbildung), entweder mit einer Kombination von großflächigen Hand- und/oder Fußelektroden zur Überprüfung der oberen, unteren, rechten bzw. linken Körperhälfte (Grundableitung; Ganzkörperuntersuchung) oder speziell unter Nutzung einer spitzauslaufenden Elektrode für die eigentliche Akupunktur (Punktmessung). Den Meßwerten, vor allem auch einem eventuellen Abfall des Wertes bei anhaltendem Kontakt (Zeigerabfall) wird eine diagnostische Bedeutung zugeschrieben, die dann -entsprechend dem mit der Sonde gewählten Akupunkturpunkt- eine Aussage zum Gesundheitszustand des diesem Punkt zugeordneten Organs liefern soll.

Ob und in wie weit die Vorstellung von organspezifischen Referenzpunkten einerseits und der Interpretation des elektrischen Körperleitwertes für Diagnosezwecke andererseits aus medizinischer Sicht vernünftig sind, sei hier dahingestellt und dem Urteil Kompetenterer in der Medizin überlassen, zumal das Wissen um den Wirkmechnismus einer Methode prinzipiell zweitrangig ist, denn wenn sie wirkt, so tut sie das auch dann, wenn dem Anwender die wahre Ursache verborgen ist. Das eigentliche Erfolgskriterium einer medizinischen Methode ist ihre die Zufallsquote deutlich überrragende diagnostische Zuverlässigkeit bzw. ihre die Placebowirkung signifikant übertreffende Wirksamkeit.


Da es sich beim Leitwert jedoch, wie z.B. auch bei der Körpertemperatur, um einen realen, wenn auch schlecht reproduzierbaren Körperwert handelt, hat das EAV-Diagnoseverfahren aus naturwissenschaftlicher Sicht zumindest Plausibilität. Entsprechendes gilt für die Therapie mit der EAV, denn es wird ein realer physikalischer Reiz gesetzt. Spekulativ ist die Interpretation der Meßwerte und die Ergebnisse der wenigen kontrollierten Studien zur EAV-Diagnose lassen erheblich an ihrer Brauchbarkeit zweifeln. Auch der Beleg einer spezifischen Wirksamkeit der EAV-Therapie durch eine kontrollierte, statistisch abgesicherte Studie steht aus.

Den Verfahren der EAV-Diagnose/-Therapie fehlt somit die Voraussetzung für eine wissenschaftliche Anerkennung. Es erscheint fahrlässig, gravierende therapeutische Maßnahmen allein auf das Resultat einer EAV-Diagnose zu gründen.

1.2 EAV-Medikamenten-/Substanzen-Test
Die Elektroakupunktur erhebt auch den Anspruch, aus der Beeinflussung der Meßwerte durch zusätzlich in den Meßprozeß einbezogene Substanzen einerseits deren Verträglichkeit für den Patienten zu ermitteln , so auch bei zahnärztlichen Materialien. Andererseits soll auf diese Weise auch eine bereits bestehende schädliche Belastung des Patienten mit einer verdächtigten Substanz nachgewiesen werden können. Die eigentliche Diagnose besteht dann im Auffinden des schädlichen Agens mit Hilfe vorgefertigter, in Glasampullen eingeschlossener und in der Regel homöopathisch aufbereiteter Testsubstanzen; entsprechend werden in Aussicht genommene Therapeutika ausgetestet. Dazu werden die Glasampullen in die Bohrungen eines als Wabe bezeichneten Metallblockes gebracht. Dieser Block ist als Nebenschluß zum Patientenmeßkreis geschaltet. Es gibt jedoch auch Varianten, bei denen die Ampulle mit einer sog. Antenne in Kontakt gebracht oder dem Patienten unmittelbar in die Hand gegeben wird. Inzwischen gibt es auch Computer-programme, welche die Wirkung der Testsubstanzen für den Meßkreis simulieren sollen. Die Medikamente-/Substanzen-Tests stellen den Schwerpunkt der EAV-Anwendungen dar.

Die Behauptung der Anwender, daß die in der Ampulle befindlichen und damit elektrisch isolierten Substanzen, ob nun über die Wabe, über die Antenne oder im direkten Kontakt zum Patienten, den Gleichstromkreis der Leitwertmessung beeinflussen können, ist physikalisch unhaltbar. Auch neuere, mit Begriffen der Kybernetik argumentierende Erklärungsversuche -letzlich eine Annäherung an die Vorstellungen der auf dem alternativen Markt ebenfalls sehr erfolgreichen Bioresonanztherapie- wonach die Substanz über Resonanzphänomene mit dem Biofeld des Patienten in Wechselwirkung treten soll, ist pseudowissenschaftlicher Unfug.

Der EAV-Medikamente-/Substanzen-Test ist vor dem Hintergrund unserer derzeitigen, vielfach gesichterten naturwissenschaftlichen Kenntnisse ein a priori irrationales Verfahren.

2. Vega-Test
Beim Vega-Test handelt es ich um eine der zahlreichen Varianten alternativmedizinischer Verfahren zur elektrischen Testung krankhafter Zustände:

Im Handbuch „Die andere Medizin„ [2] wird der Vega-Test ohne weitere Erläuterungen als Spielart der EAV (Seite 308) erwähnt. VEGA-STT (Stoffwechseltest und –therapie) nach B. KÖHLER wird als Variante der Bioresonanztherapie (BRT) aufgeführt (Seite 307).

VISSER [1] verweist auf Meinungsverschiedenheiten zwischen VOLL und seinen Schülern, die insbesondere bei den Anhängern der Bioelektronischen Funktionsdiagnostik (BFD) zu einer Reduzierung der als notwendig erachteten Akupunkturpunkte (> 1000 bei VOLL) führt; so komme die Vegatest-Methode mit nur einem Punkt aus. Vega-Test steht auch für eines der aus dem Meinungsstreit resultierenden unterschiedlichen Verfahren zur Durchführung des Medikamententestes. Allerdings gibt auch VISSER keine näheren Hinweise sondern verweist lediglich auf zwei Quellen [3, 4], die dem Unterzeichnenden jedoch nicht zur Verfügung stehen.

Der Unterzeichnende hat keine ernsten Zweifel, daß die o.a. Ausführungen zur Wissenschaftlichkeit der Elektroakupunktur nach VOLL mutatis mutandis auch für den Vega-Test zutreffen, so daß es sich auch beim Vega-Test um ein a priori irrationales Verfahren handeln dürfte.