Vorwort

Die Arbeitsgemeinschaft „Arbeitswissenschaft und Zahnheilkunde“ (AGAZ) schaut in diesem Jahr auf eine 35-jährige, wechselhafte Geschichte zurück. Wie ich, mit vormals 10 und momentan etwa 4-jähriger Verantwortung als ihr Vorsitzender und derzeitiger Präsident der Europäischen Gesellschaft für Zahnärztliche Ergonomie (EGZE), meine behaupten zu dürfen, ist diese Geschichte Spiegel der wechselnden Akzeptanz der zahnärztlichen Ergonomie in Ausbildung und Praxis, nicht nur in Deutschland.

In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren es die bahnbrechenden Entwicklungen des traditionellen Behandlungsstuhls zu einem modernen Behandlungsplatz und die damit einhergehende Etablierung des vierhändigen Behandlungskonzepts, welche die Aufmerksamkeit auf gesundheitliche Risiken infolge der Ausübung des zahnärztlichen Berufs auf sich lenkten. Die Häufigkeit durch muskuloskelettale Erkrankungen bedingter Bewegungsstörungen wie chronischer Rückenschmerz und das Karpaltunnelsyndrom sowie Kopfschmerz und Ermüdung, alle infolge fortwährend falscher Arbeitshaltungen und, arbeitswissenschaftlich gesehen, schlecht gestaltete Praxisausrüstung, verzeichnete eine drastische Zunahme.

Diese Entwicklungen entgingen nicht der Aufmerksamkeit einer Reihe engagierter, verantwortungsbewusster, in eigener Praxis tätiger, Zahnärzte, die sich der Problematik annahmen und sich auf dem Gebiet der Arbeitswissenschaft weiterbildeten. Durch ihre Initiative wurde die Arbeitsgemeinschaft, zunächst als Arbeitskreis, gegründet und im Laufe der ersten zwei Jahrzehnte eine Vielzahl an Veranstaltungen organisiert und Dokumente veröffentlicht. Hier hat der damalige Schriftleiter der „Quintessenz“, Dr. Walter Drum, sich engagiert und verdient gemacht: Er fasste alle in dieses Gebiet tendierenden Fragen unter dem Begriff „zahnärztliche Ergonomie“ zusammen.

Nach dieser produktiven Zeit ist es ziemlich ruhig um die AGAZ geworden, auch um die zahnärztliche Ergonomie in Europa. Ob dies in Zusammenhang mit der allgemeinen Reaktion auf die ökonomischen Krisen der 80er Jahre und als spezielle Folge der Disharmonie zwischen der Organisation des Gesundheitswesens und dem zahnärztlichen Berufsstand betrachtet werden muss, ist strittig. Dennoch sieht sich der zahnärztliche Berufsstand seit dem ersten „Spargesetz“ 1989 zunehmend solch einem wirtschaftlichen Druck ausgesetzt, der durchaus als Ursache für die verengte, gesundheitsschädigende Sichtweise einer „irrationellen Praxisführung“ in Betracht kommt.

Tatsache ist es, dass es der AGAZ bis heute nicht gelungen ist, die arbeitswissenschaftlichen Grundlagen auf breiter Basis in das Studium der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und somit in das Verständnis über eine gesunde und rationelle Arbeitsweise in der Praxis zu integrieren. Folgen davon sind die Vernachlässigung des Themas „Ergonomie“ und der offensichtlich beim Mitgliederbestand der AGAZ zu verzeichnende Nachwuchsmangel mit der damit verbundenen Überalterung.

Dennoch sind die Evidenzen überzeugend und ist die Zukunft voller Perspektiven: Heutzutage haben Zahnärzte viele Möglichkeiten, in ergonomisch korrekter Weise, praktisch tätig zu sein: Es gibt eine Vielzahl von Produkten, die dafür entworfen wurden, nicht nur einen gesundheitsfördernden Workflow zu ermöglichen, sondern auch stets eine gesundheitsfördernde Arbeitshaltung zu wahren. Wenn jede Zahnärztin und jeder Zahnarzt sich bewusst macht, welche Schäden von falsch entwickelten Produkten ausgehen, ist dieses Wissen der erste Schritt auf dem Weg zum erforderlichen präventiven Verhalten.

Es ist dabei wichtig, sich zu realisieren, dass Dentalprodukte ausschließlich durch die Art und Weise wie sie Verwendung finden, “ergonomisch” sind. Dies bedeutet beispielsweise für den Arbeitssessel, der nach ergonomischen Prinzipien entworfen und produziert wurde, dass er dennoch falsch benutzt werden kann, weil die ihm benutzende Zahnärztin oder Zahnarzt nicht oder nicht korrekt über seine Verwendung informiert wurde. Dieses Unwissen ist vorwiegend auf die Tatsache zurück zu führen, dass die Arbeitswissenschaften nicht zum Kanon der meisten Curricula zahnmedizinischer Ausbildungsstätten (in Europa) gehören.

Unser Berufsstand sollte sich aber nicht dahingehend irreführen lassen, dass ergonomisch korrekte Produkte teuer sein müssen. Erfreulicher Weise produziert die Industrie in zunehmender Masse nach ergonomischen Prinzipien und unterstützt die Bemühungen von Ergonomen, zu deutlichen Kriterien zu gelangen. Hier hat die Europäische Gesellschaft für Zahnärztliche Ergonomie einen entscheidenden Beitrag mit ihrer Jahrestagung 2006 im portugiesischen Porto geleistet. Dort wurden die auf wissenschaftlichen Grundlagen verfassten „Ergonomic Requirements for Dental Equipment - Guidelines and Recomendations for Designing, Constructing and Selecting Dental Equipment” vorgestellt. Momentan bemüht sich die EGZE, sich hierüber mit der Dentalindustrie einvernehmlich abzustimmen.

Bemerkenswert ist hier das Vorgehen der drei niederländischen Universitäten, die einen zahnmedizinischen Studiengang anbieten.Mit Unterstützung der Zahnärztekammer (die Nederlandse Maatschappij tot Bevordering van de Tandheelkunde) haben sie sich mit Nachdruck für die Beachtung dieser Richtlinien und Empfehlungen ausgesprochen. Dies taten sie vor dem Hintergrund, ihre Studierende im Sinne der Arbeitsschutzgesetze als Mitarbeiter „ihres Unternehmens“ zu betrachten. Diese Gesetze schreiben vor, dass jeder Mitarbeiter Anrecht auf einen nicht gesundheitsschädigenden, d.h. einen ergonomischen Arbeitsplatz hat. Demnach bestehen die niederländischen Universitäten auf dem Nachweis, dass die von ihnen erworbenen Dentalprodukte, insbesondere die Behandlungsplätze, den Richtlinien und Empfehlungen entsprechen, um eventuelle spätere Klagen von ehemalig Studierenden wegen erworbener gesundheitlicher Spätschäden aufgrund nicht ergonomisch gesicherter Ausbildung auf den jeweiligen Produzenten abwälzen zu können.

Ebenso bemerkenswert ist die pragmatische Initiative der rumänischen Universitäten, für das Fach Ergonomie jeweils eine entsprechend ausgestattete Professur einzurichten, so dass die Ausbildung grundsätzlich das Verständnis der zukünftigen Zahnarztgenerationen für Aspekte eine gesunde Arbeitsweise sichert.

Im gleichen Sinne hat die EGZE eine weitere wichtige Initiative ergriffen: Sie hat beim von der „Association for Dental Education in Europe“ (ADEE) turnusmäßigen Update des von ihr im Rahmen des von der EU als Thematic Network Projekt „DentEd“ erarbeiteten Fachkompetenzrahmens „Profile and Competences of the New European Dentist“ wichtige Elemente des von ihr bereits vor mehr als einem Jahrzehnt erarbeiteten Ergonomie-Curriculums erfolgreich einbringen können.

Indem derzeit der EGZE-Präsident gleichzeitig AGAZ-Vorsitzender und der EGZE-Schatzmeister – AGAZ-Schriftführer sind, wird deutlich, dass zahnärztliche Ergonomie in erster Linie europäisch gesehen werden muss. Dennoch ist es erforderlich, für die AGAZ ein, den typisch deutschen Gegebenheiten entsprechenden Profil zu erarbeiten: Erstes Ziel ist es, das von der EGZE erarbeitete Basistrainingsprogramm, bspw. im Rahmen der APW zu implementieren.

Abschließend hoffe ich, dass Kopfschmerzen, Müdigkeit, Konzentrations- und Sichtschwäche sowie das Burn-out Syndrom der Vergangenheit angehören werden, wenn wir es als Zahnärzteschaft verstehen, ergonomische Aspekte bei unserer Tätigkeit wirklich konsequent zu berücksichtigen: Die Gesundheit und das Wohlbefinden des Zahnarztteams werden dabei als höchste zu erfüllende Priorität verstanden, für die man sich täglich entscheidet. Ich fordere, dass das Fach Arbeitswissenschaft bei der Novellierung unserer Approbationsordnung ausreichend Berücksichtigung findet. Die AGAZ fühlt sich einem gesteigerten Austausch zwischen Dentalindustrie und Berufsstand verpflichtet. Darüber hinaus will sie die Forschung im Bereich der Arbeitswissenschaften sowie die Abstimmung über Standards und Richtlinien zur Herstellung und Anwendung von ergonomischen Dentalprodukten fördern.

Aachen, den 20. Januar 2009
Prof. Dr. drs. drs. Jerome Rotgans
- 1. Vorsitzender der AGAZ -

 

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