Vermeidet eine Parodontalbehandlung den Herzinfarkt?

Wir alle freuen uns, wenn es Übersichtsartikel sowohl zu uns vertrauten als auch unvertrauten wissenschaftlichen Gebieten gibt. Reviewartikel bedeuten oft, dass man schnell eine Übersicht über ein Gebiet bekommt, ohne den mühsamen und zeitaufwändigen Weg über das Lesen der Orginalliteratur zu gehen. Wenn es allerdings zu einem Thema mehr Reviewartikel als Orginalliteratur gibt, dann sind die Ersteren mit Vorsicht zu genießen. Neue Themen ziehen ein großes Medienecho nach sich und wecken bei der Leserschaft Neugierde, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Dies wiederum stimuliert die Nachfrage nach weiteren Reviewartikeln und Autoren können sich schnell als Experten mit wenigen Recherchen und ohne eigene Untersuchungen profilieren. Die Gefahr bei dieser Art von Übersichtsartikeln ist groß, dass ein Autor vom Anderen abschreibt, ohne dass neues Wissen erschlossen wird. Solch ein medienwirksames Thema ist die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Parodontal- und Herzkreislauferkrankungen. Seit zehn Jahren stoßen wir immer wieder auf Übersichtsartikel sowohl in renommierten Zeitschriften als auch in bunten Anzeigenblättern.

Weltweit gab es bis 2005 mehr Übersichts- als Orginalarbeiten und von 2000 bis 2004 wurden 53 Orginalarbeiten und 70 Übersichtsarbeiten publiziert (mündliche Mitteilung T. Dietrich, Boston). Damit wird deutlich, dass wir derzeit nur wenig über diesen Zusammenhang wissen und dass auf Grund des derzeitigen Wissenstandes kein sicheres Urteil gefällt werden kann.

In Vorpommern wird die derzeit größte epidemiologische Studie in Deutschland durchgeführt, die bei der Beantwortung dieser Frage im weltweiten Verbund eine Antwort liefern kann. Die

Wir überprüften den Zusammenhang von Parodontalerkrankungen bzw. Zahnverlust und der Dicke der Intima-Media (IMT) der Carotisgefäße bzw. der Anwesenheit von arteriosklerotischen Plaques in diesen Gefäßen. Je dicker die IMT ist, desto weiter ist die Arteriosklerose fortgeschritten und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Schlaganfalles oder eines Herzinfarktes. Auch arteriosklerotische Plaques sind ein Prädiktor für zukünftige kardiovaskuläre Ereignisse. Wir haben diese Parameter von allen Probanden unter 45 Jahren untersucht. Nach Adjustierung für die bekannten kardiovaskulären Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Ausbildung, Rauchen, Diabetes, Lipide etc. fanden wir bei Männern zwischen 45 und 60 Jahren einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Parodontalerkrankungen bzw. Zahnverlust und Arteriosklerose. Wir fanden aber keine Assoziation bei Frauen und älteren Männern (Desvarieux et al 2005). Diese Ergebnisse stimmen mit der bekannten Literatur überein und wurden bisher in den meisten Reviews nicht weiter diskutiert. Ähnlich Resultate fanden wir bei der Analyse, ob Parodontalerkrankungen einen Einfluss auf systemische Entzündungsmarker wie die Anzahl weißer Blutkörperchen, Fibrinogen oder CRP haben (Schwahn et al. 2004a). Ferner zeigte sich, dass Frauen weniger Parodontalerkrankungen als Männer aufweisen (Schwahn et al. 2004 a und b). Unsere Erklärungen dazu sind zurzeit spekulativ: möglicherweise sind jüngere Frauen durch Östrogene vor Entzündungen und Knochenverlust geschützt und/oder Männer haben ein schlechteres Gesundheitsbewußtsein (rauchen mehr und gehen weniger zum Arzt).

Unsere Ergebnisse, wie auch die anderer Gruppen, stammen aus Querschnittsdaten, erst durch longitudinale Untersuchungen können Fragen der Kausalität beantworten werden. Sollten unsere Ergebnisse, parallel zu denen anderer Gruppen, für die Mitwirkung von Parodontalerkrankungen in der Genese von Herzkreislauferkrankungen sprechen, so wären Interventionen der nächste Schritt. Soll mit einer Intervention bei kardiovasculär erkrankten Patienten (Sekundärprophylaxe) die Frage überprüft werden, ob eine Parodontalbehandlung die Inzidenz von Myokardinfarkten oder den Tod durch kardiovaskuläre Ereignisse vermindert, so müssten vermutlich ca. 5.000 bis 10.000 kardiovaskulär und parodontal erkrankte Patienten behandelt und wissenschaftlich über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren begleitet werden. Vor der Intervention müsste geklärt werden, ob diese sich auf jüngere Männer beschränkt. Jeder Kliniker sieht, welche immense Herausforderung dieser Versuch mit sich brächte. Die Beweisführung kann noch umfangreicher werden, denn selbst bei Vorliegen einer kausalen Beziehung muss nicht unbedingt eine Reversibilität vorliegen. Dann könnte, nur im Rahmen einer Studie mit Primärprophylaxe überprüft werden, ob das Verhindern einer Parodontalerkrankung die Inzidenz myokardialer Ereignisse vermindert. Die dafür nötige Gruppengröße bewegt sind zwischen 50.000 bis 100.000 Probanden.

Diese Fragestellungen können nur noch multizentrisch und multinational beantwortet werden. Hier ist also eine Blaupause für die nächsten 10 bis 20 Jahre intensiver Forschungstätigkeit geschildert. Solange müssen Sie vermutlich warten, bis die Wissenschaft Ihnen eine definitive Antwort geben kann auf die Frage, ob die Behandlung von Parodontalerkrankungen die Inzidenz von Herzkreislauferkrankungen vermindert. Die Erhebung der SHIP Daten wurde durch das BMBF und die Auswertung freundlicherweise durch die DFG, DGZMK, DGP, Neue Gruppe und Gaba unterstützt.

Prof. Dr. Thomas Kocher, Greifswald

Study of Health in Pomerania (SHIP) ist eine repräsentative Studie, in der insgesamt 4310 Probanden medizinisch, zahnmedizinisch und soziodemographisch untersucht wurden. Derzeit arbeiten wir an einem 5 jährigen Follow up, dessen Daten Ende des nächsten Jahres zur Verfügung stehen werden.